365 Tage #2

Und weiter geht es mit Yumas und meiner Geschichte...

Das erste, was ich im Umgang mit Nothunden gelernt habe ist, keine Erwartungen zu erheben.
Als ich einen Tag später, am Sonntag den 09.12.2012 zum Tierheim zurück fuhr, überreichte man mir relativ
schnell die kleine Angstmaus. Nicht nur die Mitarbeiterin, welche sie mir übergab war skeptisch, ob sie mit mir gehen würde - ich war es ebenso. Unser Ziel war das mit Wiesen bestückte Gelände des Endenicher Campus der Universität Bonn. Hier wollte ich meine ersten Schritte mit Murphy bestreiten, musste jedoch erst einmal so weit kommen, da bis dort hin ein Fußmarsch durch eine Unterführung und zwei Straßenüberquerungen von Nöten wären, hatte ich etwas Bedenken, ob Murphy mir so weit überhaupt schon trauen würde. Als ihr zukünftiger Leader sah ich jedoch nicht ein, mir dies anmerken zu lassen, schließlich sollte sich sich auf mich verlassen können und dies wollte ich ihr auch weiterhin beweisen.


Zielsicher nahm ich die Leine, schritt mit aufrechte Gang gen Tor und tatsächlich, sie ging mit. Mit einem lauten Quietschen öffnete das Tor in die Freiheit und Murphy stockte kurz, ging dennoch mit. Meine Eltern bildeten die Nachhut. Unsere erste Hürde war die Unterführung. Hier war das Dröhnen der vorbei rauschenden Autos laut zu hören und Murphy zuckte zurück und - plumps - setzte sich schließlich auf ihren Plüschpo und nichts ging mehr. Normalerweise sagt man, solle man den Hund einfach weiter ziehen, da jede Zögerung eine Bestätigung der Bedenken und Angst des Hundes darstellt. Hier jedoch, hatte ich einen Hund an der Leine, welcher nicht mir gehörte und zweifach - an Halsband und Leine - gesichert in meine Obhut gelegt wurde. Meine Eltern holten uns ein und ich kniete mich zu dem ängstlichen Fellbällchen, zitternd und mit großen Augen sah es mich an. Ich tat, was ich zuvor in einer Dokumentation über Wölfe gesehen hatte:
Der Leitwolf zog mit seinem Rudel in ein neues Revier (es waren Wölfe, deren Revier zum Zwecke der Dokumentation großflächig eingezäunt wurde und nun gewechselt wurde). Der Bruder des Leitwolfs - seinerseits das Omega-Tier war ängstlich und traute sich nicht aus seiner Box - dem Rudel hinterher in die Freiheit. Der Leitwolf kehrte um und stupste seinen Bruder an, machte ihm Mut und dieser folgte ihm schließlich. Im Versuch gefangen, Murphy ebenso Mut zu machen ohne sie zu bemuttern gelang es mir mit Hilfe meiner Eltern tatsächlich, sie zum Folgen zu bewegen. Als Rudel hatten wir also die erste Hürde gemeistert.

Ihre Panik bei entgegen kommenden Passanten war durch die Leine spürbar. Stetig wollte sie zurück, nach rechts oder links ausweichen oder stehen bleiben. Ich gab mein Bestes ihr zu zeigen, dass ich sie beschütze und schirmte sie von all diesen Dingen mit meinem Körper ab. Auf dem Campus angekommen konnte Murphy endlich das tun, was ihr hoffentlich Spaß machen würde: Schnüffeln. Ich gab Acht auf ihre Körpersprache - war ihr Schwanz mal nicht eingeklemmt, begab er sich sogar in die Höhe, lobte ich sie indem ich sie leicht und vorsichtig kraulte. Schnüffelte sie ruhig, lobte ich sie ebenso. Keine Kommandos, kein Zwang. Nur Lob. Ich ging mit ihr durch den Schnee und hatte das Gefühl, sie wurde etwas lockerer.
Mit einer Sache jedoch hatte ich nicht gerechnet - und sie warf mich einen Augenblick regelrecht aus der Bahn:

Auf einem kleinen Hügel verlor Murphy sich im Schnüffeln, sah mich plötzlich an während ich sie weiter streichelte und warf sich langsam auf die Seite, rollte sich unter meiner stockenden Berührung auf den Rücken und zeigte mir ihren Bauch. Hier lag sie nun regungslos und ich erstarrte, als hätte ich noch nie zuvor gesehen, wie ein Hund diese Geste ausführt. Für einen kurzen Augenblick war ich so erstaunt, da Murphy mich gerade einmal ein paar Stunden kannte, dass ich dachte ich hätte einen zweiten Hund "umgebracht".
Ich fing mich wieder und begann Murphys Bauch zu streicheln und sie brummte, als würde ihr diese Geste gefallen und lag weiter dort im Schnee. Als ich ihr zeigte, weiter gehen zu wollen stand sie auf, schüttelte sich und erspähte in der Ferne zwei Personen mit einem Hund. Hier begann sie nun in die Leine zu springen und winselnde Laute zu produzieren. Das Paar, Jana und Ralf sagte, der Hund sei Roxy - Murphys Schwester und wir unterhielten uns. Hier sah ich zum ersten Mal, wie Murphy regelrecht in Ekstase geraten konnte, wenn sie vertraute und sich freute. Es war ein toller Anblick, welcher sich ebenso schnell in Unverständnis verwandeln konnte, sobald Jana & Ralf mit Roxy davon gingen. Sie verstand logischer Weise nicht, weshalb sie nicht mit ihnen gehen konnte, da das Paar sonst immer mit beiden Geschwistern spazieren ging. Ich
hielt an und sah ihnen nach, eine verständnislose Murphy an der Leine die weiter sprang und winselte. Herzzerreißend. Schließlich sprang sie mich an, legte ihre zarten Pfoten auf meine Brust und sah mich an - ganz als wolle sie sagen: "Siehst du nicht, die gehen weg! Tu was!". So standen wir eine ganze Weile, denn ich wollte ihr nichts vordiktieren. Hier ging es um Vertrauen und Bindung. Nur um das.

Fortsetzung folgt....

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