Es war soweit - Donnerstag.
Nach Absprache mit dem Tierheim würde Murphy morgen früh - Freitag also - ihren Probetag haben.
Ich war tierisch nervös, denn ich hatte die kleine Maus innerhalb der vergangenen Woche irgendwo bereits ins Herz geschlossen. Ich ahnte, dass es nicht einfach werden würde und wusste, dass Murphy noch nie in einem Haus gelebt hatte und aller Voraussicht nach nicht einmal wusste, was dies war. Ich wusste auch, dass man sie mit ihrer Schwester Roxy an einem regnerischen Tag auf einem Friedhof in der bulgarischen Hauptstadt Sofia ausgesetzt und dem Tod durch erfrieren ausgeliefert hatte. Eine Frau fand die beiden und übergab sie einer Tierschützerin, was ihnen das Leben rettete. Seither lies die besagte
Frau, die den Welpen eine Unterkunft und Nahrung gab diese im Garten aufwachsen.
Was sie dort erlebt hatten, wusste ich nicht. Dies wusste wahrscheinlich niemand so genau. Zeitgleich bedeutete diese wirklich
herzerwärmende Geschichte für mich, mit Murphy, die für mich von Beginn an nach einem tschechoslowakischen Wolfhund mit Schlappohren ausgesehen hatte, dass sie nicht richtig sozialisiert wurde.
Diese Gedanken schreckten mich keineswegs von ihr ab, machten mir aber meine Aufgabe klarer.
Ein Hund ist in der Lage, negative Erfahrungen - das, was er negativ erlernt hat - besser zu bewerkstelligen und in positive Erfahrungen umzuwandeln als Dinge, die er in prägender Zeit nicht gelernt hat. Ich hatte also eine große Aufgabe vor mir, zumal ihr so ziemlich alles Angst einzujagen schien.
Als ich unseren Spaziergang am Abend des 13.12.2012 beendete und sie wieder in die Obhut der Tierschützer gab ging ich zum ersten Mal noch einmal zurück zu ihrem Zwinger, welchen sie sich mit Trixie, einer älteren schwarzen Hündin teilte.
Tatsächlich erkannte sie mich und kam ans Gitter und ich streichelte sie. Zwar steht an den Zwingern man solle die Tiere nicht durch die Gitter berühren oder generell nicht durch diese greifen, doch ich kannte Murphy und durfte bereits einmal mit, als sie in diesen zurück gebracht wurde und war somit bereits einmal in ihr "Territorium" eingestiegen und zuversichtlich, dass es ihr auch diesmal nichts ausmachen würde, wenn ich nur davor stand. Sie sprang leichtfüßig am Gitter hoch und drängte sich an meine Hand.
Mir wurde das Herz schwer, ich wollte nicht gehen, musste aber. Der Weg von ihrem Zwinger fort führte leicht um die Ecke und als ich ging, lief ich, ehe ich bemerkte dass die anderen Hunde der Zwinger weiter fort dadurch verunsichert wurden.
Da Murphy bis zum Ende ihres Zwingers hinter mir her lief, musste ich jedoch meine Schritte beschleunigen um nicht in Tränen aus zu brechen. Ich wollte sie zu mir holen.
Bei einem Hund aus dem Tierschutz ist das Erraten der beteiligten "Rassen" insofern ein munteres Rätselraten, als dass man es nie mit Bestimmtheit sagen kann. Zumindest nicht wenn der Hund aus dem Ausland stammt oder gar von der Straße.
Betrachtete ich mir Murphys Äußeres, war eine deutliche Ähnlichkeit mit einem Wolfhund jedoch unübersehbar. Einzig die gebogene Rute, sobald sie ihren Schwanz erhob und ihre Schlappohren oder die weiß gefärbte, äußerste Spitze des Schwanzes verrieten mir, was noch in Frage kommen könnte - oder auch nicht. Ihren Charakter kannte ich noch nicht gut genug, wusste jedoch mittlerweile mehr über Wolfhunde, als ich dies vor einigen Jahren noch getan hatte um zu wissen, dass es ein Abenteuer sein würde, Murphy zu mir zu nehmen. Eventuell noch mehr als bei anderen Hunden, mehr noch als bei Shiva. Ihre Schwester sah mehr nach Schäferhund aus. Nicht nach dem deutschen, wenn man ein weiteres mal hinsah. Von der Optik erinnerte sie an einen Hund mit Kaukasen-Einschlag. Der kaukasiche Schäferhund fällt in die Kategorie der Herdenschutzhunde. Sie haben Schutztrieb und genau das hatte man Murphy auch nachgesagt. Auch passten die Schlappohren und die Haltung ihrer Rute. Auf diese Idee hat mich jedoch eine nette Frau erst vor kurzer Zeit bringen müssen, obwohl ich die Rasse, die ich nun in Roxy (und auch Yuma) vermute, mir nicht unbekannt war. Manchmal sieht man einfach nicht, was allzu offensichtlich scheint.
Ich musste mich also im besten Fall auf einen Hund einlassen, der von zwei genetisch verankerten Seiten Schutztrieb in sich trug, jedoch ebenso scheu und ängstlich sein konnte. Im Nachhinein erscheint mir diese Idee unter Betrachtung der Erfahrungen die ich noch machen würde gar nicht so falsch. Meine Ideen basierten jedoch primär auf dem Wunsch, Murphy bestmöglich gerecht zu werden. Eine Hundeschule unter einer positiv bestärkten Methode strebte ich ebenso an, damit Murphy weiterhin Kontakt zu Artgenossen hatte, insofern wir auf unseren Spaziergängen kaum Spielpartner finden würden. Außerdem sollte sie Ängste langsam abbauen können. Der theoretische Plan stand, dennoch war noch nicht Freitag und ich beschäftigte mich den Abend des Donnerstags damit, einzukaufen und Shivas Sachen dem Tierheim zu spenden. Murphy bekam neue Näpfe und Leinen sowie Halsbänder. Da ich Geschirre grundsätzlich maßanfertigen lies, würden Shivas Teile Murphy ohnehin nicht passen und somit konnte ich sie genauso gut spenden, damit ein anderer Hund eventuell Freude daran hatte oder sie noch nützlich wären. Auch spendete ich Shivas Medikamente gegen Leishmaniose. Vielleicht konnten sie helfen. Ich richtete Yumas Platz ein und fand einen Platz für ihre Näpfe. Sie konnte kommen, ich war bereit.
Fortsetzung folgt...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Danke für deine Antwort :) Bitte beachte, dass Beleidigungen, Spam etc. gelöscht werden und unerwünscht sind. Ich freue mich über jede einzelne Antwort und werde versuchen alle aufkommenden Fragen zu beantworten ♥
Hast du eine spezielle Frage? Schreibe einfach eine Email, dies geht womöglich schneller. Vielen Dank und
alles Liebe, Andie mit den Fellnasen